Pulvermühle & Miedziankit

Neben dem Bergbau gab es für unsere Vorfahren wenig andere Möglichkeiten den Lebensunterhalt zu verdienen. Ein in den Gefahren des Arbeitsalltages hinter dem Bergbau nicht zurückstehende Beschäftigung bot die Arbeit in der Pulvermühle im Bereich der späteren Miedziankit.

 

Die Schulchronik berichtet 1849 über die beiden Explosionsunglücke in der alten Pulvermühle, die sich in diesem Jahr wenige Monate hinter- einander ereignet hatten:

„Noch ist das Jahr 1849 durch den doppelten Unglücksfall bezeichnet, welche die zu Obernhof gehörige Pulvermühle des Herrn Bingel betroffen hat. Am 30.Mai des Jahres Nachts gegen 12 Uhr flog dieselbe (resp. das Fabrikgebäude) durch eine unbekannt gebliebene Ursache in die Luft und wurde mit der sämtlichen Maschinerie bis auf die Grundmauern zerstört. Die Explosion war fürchterlich, der Anblick grässlich und der Schaden groß. Hier in Obernhof und Weinähr erbebten die Häuser von dem Schlag, und die Fenster an dem zur Mühle gelegenen Wohnhaus waren größtenteils zertrümmert von der großen Lufterschütterung. Zum Glück wurde niemand beschädigt, da die Arbeiter zufällig abwesend waren.

Kaum war die Mühle aufgebaut und in Gang gesetzt, so erfolgte am 10. September Nachmittags 3 Uhr ihre abermalige Zerstörung, diesmal die Folge der Unvorsichtigkeit eines Arbeiters, Phil. Jacob Jacoby von Grebenroth, welcher dabei mit dem Leben büßte und schrecklich verbrannt, nach manchen Stunden unter entsetzlichen Schmerzen verschied. Die Explosion war zwar diesmal weniger stark, weil kein Vorrat da war, doch wurde die Maschine wieder zertrümmert, die Wände auseinandergetrieben und das Dach weggeschleudert.“


Die Pulvermühle muss um 1803 schon bestanden haben, da sie auf der Karte von Tranchot u. v. Müffling bereits eingezeichnet ist. Zu welchem Zeitpunkt die Pulvermühle geschlossen wurde, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.

Als 1915 die neue Fabrik Miedziankit eröffnet wurde, vermerkt das der Lehrer in der Schulchronik:

„In der Nähe von Obernhof ist eine neue Fabrik ins Leben gerufen worden, dort werden Sprengstoffe hergestellt. Sie findet sich an der Stelle der alten Pulvermühle im Gelbachtal. Der dort hergestellte Stoff heißt Miedziankit.“


Der Miedziankit genannte Sprengstoff stellte eine Alternative zu Sprengstoffen wie Sprengsalpeter oder Dynamit dar, die für die Kriegsführung benötigt wurden. Miedziankit war für militärische Zwecke nicht verwendungsfähig, konnte aber im Bergbau eingesetzt werden.


Zur Herstellung von Miedziankit werden Kaliumchlorat als Sauerstoffträger und Petroleum als Kohlenstoffträger benötigt. Durch das Tränken des Kaliumchlorats mit Petroleum (etwa 10%) entsteht ein explosionsfähiger Sprengstoff.


Artikel aus dem Nassauer Anzeiger , Nr. 68 , 41. Jahrgang vom Donnerstag, 6. Juni 1918:

„Weinähr, 4. Juni - Zu der am letzten Samstag hier bei Herrn Gastwirt Seibel stattgefunden Monatsversammlung des Werkmeister-Bezirks-Vereins Nassau hatten sich die Mitglieder mit ihren Damen recht zahlreich eingefunden. Nach der Versammlung wurde auf freundliche Einladung der Direktion der Miedziankit-Gesellschaft in Weinähr deren Werke besichtigt. Die gesamte Anlage macht durch ihre Sauberkeit und sinnreiche Anordnung einen sehr guten Eindruck.

Herr Betriebsführer Schaub erklärte die Fabrikation des neu erfundenen Sprengstoffes Miedziankit und man konnte die Entstehung der Sprengpatrone vom Rohstoff bis zur fertigen Patrone bewundern.

Nach der Besichtigung wurden die Teilnehmer aufs beste von der Miedziankit-Gesellschaft bewirtet, bei welcher Gelegenheit Herr Direktor Urner einen sehr interessanten Vortrag über die Erfindung, Verwendbarkeit und Wirkung des Miedziankits hielt, welcher in seiner Sprengwirkung dem Dynamit gleich, bei Transport und Lagerung aber fast gefahrlos ist und den Vorzug der Billigkeit hat, so dass fast der gesamte Bergbau unserer Gegend ausschließlich nur Miedziankit verwendet.

Es wird wohl allen Teilnehmern die hier gewonnenen Eindrücke und der gemütliche Verlauf des Zusammenseins unvergessen bleiben.“


Als die Miedziankit am 31. Dezember 1931 schließt, findet dies der Hilfslehrer Erich Geldbach nicht erwähnenswert. In der Schulchronik findet sich von ihm kein Eintrag, obwohl viele Menschen aus Obernhof arbeitslos werden.


Heute befindet sich das ehemalige Betriebsgelände der Miedziankit im Besitz der im Jahr 1957 in Nassau gegründeten Munitionsfabrik Metallwaren Elisenhütte Nassau (MEN), allgemein kurz „Muni“ genannt. Auch hier fanden viele Obernhofer Arbeit. Bis 1990 befand sich die MEN im Bundeseigentum. Heute gehört sie zum brasilianischen Konzern Companhia Brasileira de Cartuchos (CBC). Die Nassauer „Muni“ fertigt Patronen der unterschiedlichsten Kaliber und beliefert zum Beispiel Polizei, Bundeswehr, Bundesgrenzschutz Justizbehörden und Zoll und ist in einigen Produktbereichen deutscher Marktführer. 2007 waren in Nassau noch 130 Mitarbeiter beschäftigt.


In den Felsenbunkern der Miedziankit lagern heute rund 30 Tonnen Pulver, die in der Munitionsherstellung benötigt werden. Die heute auf der Miedziankit stehenden Häuser waren früher Werkswohnungen der Elisenhütte.

 

Der Rundwanderweg unterhalb der Platzburg führt heute noch an der Stelle vorbei, wo einst die Felsenmühle stand. Die Reste des Mühlengrabens, der hier das Gelbachwasser hinführte, sind im steilen Berghang noch deutlich zu erkennen.

 

Text: Heimatbuch Obernhof 2010

 

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