Historisches Leben in Obernhof

Willi Lotz aus Obernhof gehörte zu den ersten 10 Menschen im Unterlahnkreis, die einen Führerschein besaßen. Er war lange Jahre Fahrer von Direktor Urner, dem Besitzers der Sprengstofffabrik Miedziankit. Als am 31.12.1931 die Fabrik die Tore schloss (Weltwirtschaftskrise), war Willi Lotz, wie viele Obernhofer, arbeitslos. Betagte Obernhofer erzählen, dass „Willipat“ ein Rechengenie gewesen sei.

 

Doch weil seine Eltern kein Schulgeld bezahlen konnten, war ihm der Weg zu einer höheren Schulbildung versperrt. Viele Kinder aus Obernhof konnten nicht mal einen Beruf erlernen, weil sie nach der Schule als Tagelöhner Geld verdienen mussten.

(Text: Heimatbuch Obernhof 2010)

Das Vagabundentum – „... etwas Besseres als den Tod findest du überall ...“


Die industrielle Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte in Deutschland tiefgreifende Veränderungen in den Lebens- und Arbeitsweisen der Bevölkerung mit sich. Arbeit zu haben, ist jetzt vor allem von saisonalen und konjunkturellen Faktoren der Wirtschaft abhängig. Nach der industriellen Depression der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts bevölkert ein Heer verarmter arbeitsloser Fabrikarbeiter als arbeitssuchende Wanderer die Straßen.


Im Jahr 1902 berichtet die Schulchronik über große Arbeitslosigkeit:

„Die Löhne sinken. Die wenigen Fabriken stehen still, so das Holricher Eisenwerk und die Farbenmühle im Gelbachtal. Die jungen Leute haben wenig Lust, im Bergwerk ihr Brot zu verdienen. Den Eltern wäre anzuraten, ihre Söhne mehr zum Handwerk zu bestimmen. Wegen des Darniederliegens aller Gewerbe war die Zahl der Arbeitslosen in diesem Winter sehr groß. Die Arbeitslöhne sinken, es machte sich eine Zunahme der Wanderbevölkerung bemerkbar. In hiesiger Gegend wäre eine Zunahme industrieller Betriebe erwünscht.“


Im Dezember 1882 berichtet das Amtliche Kreisblatt Diez von einer Landtagssitzung, in der man sich mit dem Problem des Vagabundentums beschäftigt hat:

„Das Vagabundentum und seine Ursachen

Wer sich auch nur mit dem ABC der Geschichte beschäftigt hat, weiß daß bei Völkern, die ihren Wohnsitz und die Art ihrer Beschäftigung verändert haben, alsbald auch eine Veränderung des Charakters eintritt. Dasselbe läßt sich im Leben der Einzelnen beobachten. Der Heimat und der gewohnten Pflichten- und Anschauungskreise entrückt, gerät der Mensch nur allzu häufig in die Gefahr, den sittlichen und religiösen Mächten entfremdet zu werden, deren wohltätige Schranken ihn unter seinen früheren Verhältnissen umgeben hatten. Insbesondere ist der Übergang von ländlichem zum städtischen Leben mit Gefahren verbunden, die denen

ähnlich sehen, welchen die zur Zeit der Völkerwanderung in die südliche Kulturwelt übergesiedelten nordischen Völker vielfach unterlagen.

Behält man diese einfachen Wahrheiten im Auge, so wird man um eine Erklärung für die in den letzten Landtagssitzungen erörterte, allenthalben in Deutschland beobachtete Zunahme des Vagabundentums nicht verlegen sein. Wie die tiefgreifenden Veränderungen, welche das gesamte deutsche Leben im Laufe der letzten 15 Jahre erfahren hat, nicht auf eine Ursache oder auf eine gesetzliche Neuerung, sondern auf eine ganze Summe von Neuerungen zurückzuführen sind, so das Vagabundentum und dessen Zunahme. Die Einführung der Freizügigkeit hat Tausenden von Deutschen die Möglichkeit beständigen Wohnungswechsels, die Gewerbefreiheit die Möglichkeit veränderter Art der Beschäftigung eröffnet; daß gleichzeitig Strafrechtspflege, Heimats- und Armenwesen neu geregelt wurden, ist gleichfalls von Einfluß gewesen. Wie immer haben auch in diesem Falle die neuen Einrichtungen neue Erscheinungen (erfreuliche wie unerfreuliche) zu Tage gefördert.

Unter diesen Erscheinungen ist die Zunahme des Vagabundentums d.h. der Gewöhnung zahlreicher Arbeiter und Handwerker an ein unstete, halb oder ganz bettelhafte Lebensweise, eine der bemerkbarsten und bedauerlichsten gewesen. Von den zahllosen Leuten, die in der Fremde Arbeit suchten, sind viele dabei angelangt, sich der Arbeit zu entwöhnen, die Hilfe, welche der ehrliche ‚arme Reisende‘ nur gelegentlich und nur in dringenden Notfällen beansprucht, regelmäßig anzurufen, aus dem Wanderbettel ein Gewerbe zu machen und schließlich beim Verbrechen anzukommen. Die einen beschreiten diesen Weg aus angeborener oder angewöhnter Arbeitsscheu und Liederlichkeit, Andere aus Schwäche und Energielosigkeit, indem sie selbst nicht wissen, ob sie Arbeit oder aber Unterhalt um jeden Preis, - auch denjenigen der Erniedrigung und Unehrlichkeit - suchen.

Daß die Gesetzgebung versuchen muß, die allgemeinen Ursachen der Vagabundage zu bekämpfen, die Leute sesshafter und damit fleißiger zu machen, die Sitten zu verbessern, den Arbeitern an den neu eingerichteten gewerblichen Organisationen einen moralischen Halt zu bieten u.s.w. - das Alles versteht sich von selbst. Dergleichen indirekte Mittel zur Beseitigung der Vagabundage dürfen mit den außerdem zu ergreifenden direkten Abhilfemitteln indessen nicht verwechselt werden. Maßregeln, die darauf abzielen, den gesamten sittlichen Zustand eines Volkes zu bessern, können der Natur der Sache nach nur langsam und allmählich wirken; die Vagabundage aber ist ein Übel, das schleuniger Abhilfe bedarf und dessen Beseitigung nicht bis zu der, erst von der Zukunft zu erwartenden allgemeinen Besserung der öffentlichen Zustände aufgeschoben werden kann.“


Der Landtag beschließ laut Zeitungsbericht – die Vermehrung der polizeilichen Aufsichtsbeamten und der Landgendarmen, sowie „die Zahl der Anstalten, in denen beschäftigungslose Leute Arbeit, Unterkunft und Beaufsichtigung finden“.


Die Verwaltungsbehörden werden befugt, notorisch arbeitsscheue Landstreicher rasch und ohne formelles Verfahren eines Gerichtes in ein „Arbeitshaus“ wegzusperren.


Im Jahr 1882 hatte Pastor Friedrich von Bodelschwingh im westfälischen Wilhelmsdorf einen Verein gegründet, der brachliegende Ländereien aufkaufte, um arbeitswillige, aber arbeitslose Vaganten aufzunehmen, zu beschäftigen und ihnen Kost, Logis und eine geringe bare Entschädigung zu bieten. Die Arbeits- und Obdachlosen erhielten zu dieser Zeit keinerlei staatliche Unterstützung

Bereits im Jahr 1850 hatte das Problem der herumziehenden, verwahr- losten jungen Menschen, Anlass dazu gegeben, dass sich 1850 ein Nassauer Wohltätigkeitsverein gründete.

 

Man richtete auf Schloss Langenau eine vorzugsweise protestantische Rettungsanstalt für verwahrloste Knaben ein. Am 14. September 1851 wurde die „Anstalt zu Langenau“ eingeweiht. Sie gilt als Vorläufer der Heime Scheuern und des Nassauer Krankenhauses. Man sollte daran denken, dass auch Deutschland in den Jahren 1816-17 und 1845-46 von Hungersnöten heimgesucht wurde und Nahrungsmittel auch in anderen Jahren oft knapp waren. Die meisten Dorfbewohner arbeiteten für knappen Lohn oder waren Tagelöhner. Mitunter konnte nur eine Selbstversorgung durch einen eigenen kleinen Acker oder Garten die Ernährung sicherstellen. Zudem gab es Bewohner ohne jegliches Einkommen, die ganz auf die Barmherzigkeit ihrer Mitbürger angewiesen waren.


Die Aufhebung der Leibeigenschaft hatte den Menschen im 19. Jahr- hundert die Freizügigkeit gegeben. Doch gab niemand gerne seine Heimat auf. Erlittene Not und die Hoffnung, einer schier aussichtslosen Lage ent- kommen zu können, trieb die Menschen auf die Landstraße. Denn „...etwas Besseres als den Tod findest du überall..“.

(Text: Heimatbuch Obernhof 2010)

Das Gemeindehaus in Obernhof (früher)

Im Gemeindehaus wurden Familien untergebracht, die in Not geraten und obdachlos geworden waren. Sein Zustand war nicht gerade einladend.


Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte Heinrich Haxel aus Lothringen zurück nach Obernhof, weil er kein Franzose werden wollte. Mit Frau und vier Kindern fand er fürs erste eine Notunterkunft im Gemeindehaus. Dort wurde am 21. Juni 1922 sein Sohn Ludwig geboren.


In späteren Jahren konnten Nichtsesshafte Handwerksburschen im Keller, dessen Fenster vergittert waren, übernachten. Der Gemeindediener „Bachs Schorsch“ stellte ihnen einen Eimer für die Notdurft hin und schloss sie ein, um eventuellem Diebstahl vorzubeugen. Meist hatten die „Tippelbrüder“ im Pfarrhaus zu essen bekommen, bettelten aber auch immer wieder bei den Einwohnern, die selbst nicht viel hatten, um ihre oft großen Familien zu ernähren.


Viele Obernhofer wunderten sich, warum immer wieder nur an ihre Tür geklopft wurde, während die Bettler an anderen Häusern vorbeigingen. Bald wusste man von den Geheimzeichen der Zunft, den Gaunerzinken. Die Zeichen gaben den Eingeweihten Aufschluss über die Bewohner eines Hauses. Man konnte sie nur schwer entdecken und entfernen.


Kennzeichnungen in der Tradition der historischen Zinken werden auch in der Gegenwart noch benutzt, zum Teil in Zusammenhang mit Bettelei und Wohnungseinbrüchen. Manchmal sind sie auf Briefkästen oder Gegensprechanlagen zu finden. Ein Kreuz bedeutet „Gutes Objekt" während drei parallele Linien für „Bereits eingebrochen" stehen.

(Text: Heimatbuch Obernhof 2010)

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