Die Obernhofer Hauberge

„Was den Grund und Boden betrifft, so besteht die ganze Gemarkung aus steinigen Feldern und Teile aus felsigem mit Sträuchern bewachsenen Gebirge, welches hin und wieder mit fruchtbaren Distrikten abwechselt. In den älteren Zeiten lebten die Bürger vom Weinbau, vom Obst und den Haubergen. Obst- und Hauberge waren früher auch Weinberge, welche man an den Mauern noch erkennen kann. Die jetzt fruchtbringenden Felder namentlich der Buchholz, Waldaulen und der Bernshahn waren solche Distrikte, welche nach mündlicher Tradition, sei es ungefähr 130 bis 150 Jahre, vom Wald zum Feld gerodet wurden. So sind auch seit einigen Jahrzehnten viele Wildnisse mit dem die Gebirge bewachsen waren urbar gemacht worden. Durch unermüdlichen Fleiß und Tätigkeit der hiesigen Einwohner ist diese(r) wild und waldige Landdistrikte nach und nach in unser jetzt fruchtbar Gefilde umgeschaffen worden.“

(aus der Kirchenchronik um 1800)

 

Die Arbeit „2000 Jahre Waldwirtschaft am Mittelrhein“ von Friedrich Hachenberg, herausgegeben anlässlich einer Ausstellung des Landesmuseums Koblenz in Jahr 1992, vermittelt ein Verständnis einer während vieler Jahrhunderte verbreiteten Nutzungsform des Waldes, die heute fast gänzlich in Vergessenheit geraten ist: Die Haubergwirtschaft, die auch in Obernhof eine bedeutende Form der Waldbewirtschaftung darstellte.


Den Niederwald, der die Obernhofer Lahn- und Gelbachhänge bedeckt, nutzte man als Hauberge. Deren Bewirtschaftung war sicher einer der intensivsten Waldnutzungen überhaupt. Ihre Aufgabe war, Hüttenwerke wie die im Obernhofer Gelbachtal mit Holzkohle zu versorgen: Eine Aufgabe, die letztlich scheitern musste, denn die Erzverhüttung, die schon die Kelten in unserer Landschaft betrieben, erforderte Brennstoff in erheblichen Mengen. Um diese bereitstellen zu können, waren bereits in einzelnen nassauischen Ämtern 1489 und 1498 „Ordnungen“ erlassen worden.

 

Die Nutzung der Hauberge wurde in der Nassauischen Forstordnung von 1562 eingehend geregelt. Dab wie organisiert man eine möglichst gleichmäßige Belieferung der Eisenhütten mit Holzkohle.


Etwa alle 20 Jahre wurde distriktweise Holz „geerntet“ und an Ort und Stelle „verkohlt.“ Während der Schlagruhe regenerierte der Wald durch Stockausschläge der Baumstümpfe. Außerdem wurde die Schlagruhe zum Anbau von Brotgetreide genutzt. Doch in vielen Fällen scheiterte die geplante Bewirtschaftung am „Zustand“, in den der Wald gekommen war. Vor allem die Verkohlung des Bodenüberzuges hatte die Ertragsfähigkeit und -möglichkeit der Hauberge erschöpft.

 

Ungenügender Stockausschlag, leere Stellen, Ginsterhaine, in denen wenig oder gar kein Holz wuchs, waren die Folge. Diese Flächen waren jedoch zu wichtig, als dass man sie preisgeben wollte. Um die „verhagerten“ (versteppten) Waldhänge wieder der Holzkohleproduktion zuzuführen, gab die Forstordnung von 1562 genaue Anweisungen. In Rinnen und gleichzeitig mit der Saat von Buchweizen oder Korn sollte die Einsaat von Eicheln oder Birkensamen erfolgen. Zuvor war der Boden mit der Harke zu lockern, teilweise sollte die abgebrannte Laubstreu als Aschedünger untergeharkt werden. Und am Rand der Hauberge sollte eine vom Schultheiß festgelegte Anzahl alter Eichen mit ihren Früchten dafür sorgen, dass die „holzleeren Örter“ dauerhaft besamt und wieder bestockt wurden.

Schälen der Eichen im Hauberg zur Gewinnung der Eichenlohe

Ein Verstoß gegen die Haubergsordnung war mit Strafe bedroht:

„Wenn einer einen Hauberg nicht in seinem gehörigen Alter und zur rechten Zeit hauet, so soll er gestraft werden und das Holz der Herrschaft verfallen sein.“

 

Bauwillige wurden rigorosen Einschränkungen unterworfen. Neubauten durften nur noch mit „abgeschotteten“ (gespaltenen) Stämmen, also mit reduziertem Holzbedarf, errichtet werden. Vollholz-Häuser waren untersagt. Außerdem war jetzt ein Mauersockel von mindestens 1m Höhe vorgeschrieben, auf dem das Fachwerk ruhte. Dies ersparte ebenfalls Bauholz. Zuletzt verlangte die Forstordnung von 1562 die Stilllegung vorbei ging es nicht um waldbauliche oder waldpflegliche Aspekte, sondern allein um die Frage, Backhäusern in Dorfgemeinden, die mehr als ein Backhaus unterhielten. Auch damit wurde Holz gespart.


Die Haubergswirtschaft versuchte, Waldnebennutzungen wie Feldbau und Weide mit einer Holznutzung zu verbinden.

 

Dazu gehörte auch das Lohschälen, vorausgesetzt der Haubergswald bestand überwiegend aus Eichen. Eine nassauische Bestimmung von 1790 unterscheidet „die Hauberge, wovon keine Lohrinde genommen wird“ von „denjenigen, wovon Lohe geschält wird.“


Die Bepflanzung von leeren Stellen mit Jungeichen ermöglichte in den Haubergen die Eichenschälwirtschaft. Beim Aushieb im Winter blieben nur die 20jährigen Eichen stehen. Alles andere, (z.B. Birken, Wacholder, Ginster) wurde mit der Heppe ausgehauen, gebündelt und herausgetragen.


Im Mai, wenn der Saft in den Stämmchen aufstieg, begann das Lohschälen. Man schälte von unten nach oben und ließ die Rinde, oben noch am Stamm hängend, trocknen. Aus den gehauenen Stangen wurde das Nutzholz, vornehmlich Grubenholz aussortiert, der Rest als Brenn- oder Kohlholz verwendet.


Gerbrinde kam vor allem (nach 1750) durch Versteigerung in den Handel. Boppard ent- wickelte sich zum wichtigen Rinden-Umschlag- platz, der noch bis 1905 existierte.

Der riesige Lederbedarf in den napoleonischen Kriegen steigerte die Nachfrage nach Eichenrinde und ließ mit Beginn des 19. Jahrhunderts deren Gewinnung anwachsen. Auch vom wirtschaftlichen Aufschwung nach den Freiheits- kriegen profitierten Gerber und Rindenschäler. Doch billige Gerbstoffimporte ließen nach 1879 die Preise für Lohrinde sinken. Da half auch kein Schutzzoll: Eichenrinde war nicht mehr konkurrenzfähig und ihre Gewinnung kam gänzlich zum Erliegen.

 

(Text: Heimatbuch Obernhof 2010)

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