Der Bergbau in Obernhof

Foto aus dem Jahr 1911: Belegschaft der Grube Leopoldine-Louise mit 85 Bergleuten und Arbeitern und einem Pferd; bekannt sind: Karl Müller aus Obernhof (3. Reihe, 5. von rechts, Vater von Milli Jarzombek), Rudolf Nöllge (im „Hund“, Onkel von Margot Grube

Die Aufnahme entstand am 5.3.1952 in der Grube Holzappel.

 

Günter Jarzombek aus Obernhof, im Foto vorne links, war einer der Bergleute. Die Hitze im Stollen war so groß, dass man mit nacktem Oberkörper arbeitete. Einige Monate später, im Juli 1952 wurde die Grube stillgelegt.

 

Das Foto links zeigt Edwin Heimann im Jahr 1942 mit Schwester Hedwig und deren Tochter Erika vor dem Eingang des Otto Wolff-Stollens.

 

Der Otto Wolff Stollen war 1935 begonnen worden, um die Grube Leopoldine-Louise an die Holzappeler Grube anzuschließen. Im Tiefbau erreichte die Grube die 25. Sohle auf 750 m unter NN, die Dunkel, heiß und dreckig waren – die Arbeit unter Tage war ein knochenharter Job und nicht selten lebensgefährlich.  Grubenunglücke und Missstände beim Arbeitsschutz hatten immer wieder Verluste an Menschenleben zur Folge.

Die beiden oben gezeigten Fotos entstanden in den letzten Jahren des Bestehens der Obernhofer Hütte.

 

Bergbau in der Obernhofer Gemarkung ist sicher eines der ältesten Kapitel der Ortsgeschichte, das möglicherweise bis in die Frühgeschichte reicht.

 

Es wäre ein Projekt der experimentellen Archäologie – so wie es Forstdirektor Klaus Völkening vom Forstamt Nassau bei seinen Waldwanderungen anschaulich demonstrierte – etwa bei den Obernhofer Eisenkauten in einem Renofen Eisenerz zu schmelzen: Mit Holzkohle und vor Ort geformten Lehmgefäßen aus schwärzlichen Gesteinsbrocken, den Eisenknollen, die noch heute dort zu finden sind.

 

In grauer Vorzeit sammelten die Menschen zunächst die Knollen, gruben dann tiefe Löcher, sogenannte Pingen, die immer tiefer wurden, und als diese nicht mehr ausreichten, grub man die ersten Stollen: Der Bergbau hatte begonnen.

 

Ob Blei-, Silber- oder Kupfererze - sie treten an der unteren Lahn in einer großen Zahl von Gängen auf. Wenkenbach (Beschreibung der im Herzogtum Nassau an der unteren Lahn und am Rhein aufsetzenden Erzgänge Wiesbaden 1861) schreibt:

 

„Der Holzappeler Gangzug übertrifft an bergmännischer Bedeutung wohl den Emser Zug. Er erstreckt sich im Nassauischen von Holzappel über Obernhof, den zwischen diesem Orte und Nassau gelegenen District Hollerich, sodann über Geisig und Weyer bis Wellmich. Die bedeutendsten Gruben diese Zuges sind die Gruben Holzappel bei Dörnberg, Leopoldine-Louise bei Obernhof und Gute Hoffnung bei Wellmich, sowie Gute Hoffnung bei Werlau.“

 

Der erste Bergbau auf den Holzappeler und auch Weinährer Gangzug hat schon vor vielen Jahrhunderten mit Sicherheit im Gelbachtal (Obernhof-Weinährer Gemarkung) stattgefunden. Rudolf Scheid bestätigt dies in seiner Forschungsarbeit „Die Grube Holzappel und ihre zweihundertjährige Geschichte.“  

Sie ist Grundlage für folgenden Beitrag: „Der erste konkrete Hinweis auf den Bergbau des Holzappeler Gangzuges ist die Kappe einer Wettertür, die beim Aufräumen des vom Gelbachtal aus angesetzten Heuwegstollen oberhalb der Obernhofer Hütte gefunden wurde und die die eingeschnittene Jahreszahl 1535 trägt.“

 

Die erste schriftliche Nachricht über Bergbau im Gelbachtal bei Weinähr datiert von 1587, und im Jahre 1591 ist in Weinähr die Errichtung eines Eisenhammers bezeugt. Im 17. Jahrhundert mit dem 30jährigen Krieg und seinen Folgen scheint der Bergbau in Obernhof geruht zu haben, jedenfalls finden sich dafür keine Belege. Erst ein Zechenhaus auf der Obernhofer Eisenkaute, das um 1700 erwähnt wird, ist das erste Indiz für wiederaufgenommenen Erzabbau.

 

Jürgen Sarholz, Stadtarchivar in Bad Ems, hat eine wissenschaftliche Untersuchung mit dem Titel „Vorindustrieller Bergbau in Obernhof an der Lahn“ in den Nassauischen Annalen 111, 2000 vorgelegt, die den Beitrag zur Obernhofer Chronik für diese Zeitspanne erst ermöglichte. Der Autor verfolgt den „für die Bergwerke typischen, beschwerlichen und riskanten Weg von den Anfangsjahren hoher Investitionen und großer Defizite in die Gewinnzone.“

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man. Als Hoffnungsträger für die mühevolle Erzgewinnung setzten gleich mehrere Gruben das suggestive Wort in ihren Namen. Bergmannshoffnung, eine Kupfergrube, mit der 1723 eine Obernhofer Bergwerksgesellschaft belehnt wurde, gab wegen zu geringem Erfolg den Betrieb wieder auf. Aufgegeben wurde auch das Kupferpochwerk am Gelbach, das aus einer Kornmühle entstanden war und 1741 niedergelegt wurde. Für die Grube Bergmannshoffnung fand sich 1740 ein neuer Betreiber. Auch die Gruben zur Neuen Hoffnung auf dem Bernshahn, seit Jahren außer Betrieb, und zur Alten Hoffnung oberhalb der Obernhofer Hütte gehörend, wurden von Prinz Wilhelm von Oranien an eine von Bauinspektor van Dyck und Gerichtsschöffe Büsgen geführte Gewerkschaft verliehen.

Sechs Jahre nach der Betriebsaufnahme 1740 berichtet die Rentkammer, die bislang schlechte wirtschaftliche Lage der in großer Armut lebenden Obernhofer habe sich durch Zuzug vieler Bergleute verbessert. Die von Sarholz zu Tage geförderten Akten dokumentieren den für die Bergleute beschwerlichen Weg.

 

Durch Investitionen in die Obernhofer Hütte war die Gewerkschaft Alte und Neue Hoffnung bereits nach 5 Jahren hoch verschuldet. Um die Kupfergrube, die jetzt Bernshan, nicht mehr Bergmannshoffnung hieß, bewarb sich 1754 schon wieder ein neuer Betreiber. 1773 ist sie gemein-samer Besitz der Nachbargruben Leopoldine Louise und Neuborn, auch Unverhofftes Glück genannt.

 

Seit den 1740er Jahren mehr oder weniger kontinuierlich in Betrieb waren nur diese beiden Blei- und Silbergruben. Die Handelsleute Johann Goll und Söhne zu Frankfurt, die wichtigsten Geldgeber, monierten 1745, dass einige Mitgewerke (Teilhaber) die benötigten Zubußen (Investitionen) verweigerten.

 

Leopoldine Louise schaltete Konkurrenz und Querelen mit der Nachbar-grube durch Kauf aus (1781). Ihre Namensgeberin Prinzessin Leopoldine-Louise zu Nassau-Diez ließ sich mit „einer von ihr aufgenommenen Grube in dem Obernhöfer Bergwerke, die Leopoldine genannt“ vom Landesherrn, ihrem Neffen, belehnen.

 

Um die aus der Obernhofer Gemarkung in Schaumburgisches Gebiet führenden Erze abzubauen und vor allem die Fortsetzung des Leopoldiner Gangs zu finden, erwarb sie 1743 die Belehnung mit dem an ihr Gruben-feld angrenzenden Distrikt. Als sie mit sofort angesetztem Leopoldiner Schacht auf dem anschließenden Distrikt nicht fündig wurde, ersuchte sie um eine weitere Belehnung, die dritte bereits im Schaumburger Land.

 

Damit gab sie ungewollt die Initialzündung für die Holzappeler Grube. Ihr Antrag wurde abgelehnt, brachte Fürst Victor Amadeus Adolph von Anhalt-Bernburg-Schaumburg aber offenbar auf die Idee, den Bergbau in seiner Herrschaft von nun an selbst zu betreiben.

 

Sein Sohn Carl Ludwig erhielt die Belehnung, die am Ende (1792) die gesamte Grafschaft Holzappel umfasste. An der Holzappeler Gewerk-schaft aber durfte sich die Prinzessin mit beliebig vielen Kuxen (Anteilen) beteiligen. Für die Obernhofer Grube, die ihren Namen trug, war sie der wichtigste von 13 Gewerken. (Teilhaber)

 

Leopoldine, (1695 – 1765), die unverheiratet auf Schloss Oranienstein bei Diez lebte, charakterisiert Sarholz (a.a.O.) als eine Frau mit offensichtlich hohem wirtschaftlichen Sachverstand und Unternehmergeist (und mit guten Finanzberatern).

 

Ab 1750 stieg überall im heimischen Bergbau die Zahl der Beschäftigten. 38 waren es 1760 auf der Obernhofer Grube Neuborn: 1 Grubensteiger, 1 Schichtlöhner, 22 Berghauer, 7 Lehrhauer und 7 Karrenläufer. Grube Leopoldine nebenan beschäftigte 1766 nur 8 Arbeiter; 8 Jahre später stieg die Zahl auf 17. Nach dem Tod der Namengeberin (die Prinzessin starb 1765) war Albert Büsgen zu Diez fast der alleinige Besitzer von Leopoldine-Louise.1781 übernahm er die verschuldete Nachbargrube, sowie die Kupfergrube Bernshahn aus beider Besitz. Es war das Jahr der Besitzhäufung, in dem Büsgen, nunmehr mit der gesamten Gemarkung belehnt, den nie mehr wiederkehrenden Gewinn von 8000 Gulden erwirtschaftete. Die vereinigte Grube beschäftigte 1784 65 Arbeiter: 2 Steiger, 17 Zimmerhauer, 27 Hauer, 2 Stürzer, 22 Karrenläufer, auf der Halde 1 Scheidsteiger und 10 Knaben (!).

 

1787/89 ging Büsgen in Konkurs. Die prekäre Lage bei der Versorgung mit Holzkohle, auch die mit der Nachbargrube übernommenen Schulden haben wohl dazu beigetragen. Büsgen hatte seine Gruben durch Misswirtschaft in den Ruin getrieben, durch mangelnden Ausbau und fehlende Stollenvortriebe, urteilte später der Bergrat Becher nach Sichtung der Unterlagen.

Es lag nicht an der Ergiebigkeit der Erzvorkommen. Und dann – das zeigten die Rechnungen – hatten die Gläubiger zu den Verlusten kräftig beigetragen. Büsgen musste ihnen das produzierte Metall unter Wert ver-kaufen und allen Bedarf – das war vor allem Holzkohle – zu überhöhten Preisen bei ihnen einkaufen. Schultheiß Lotz von Obernhof, einer der Gläubiger, soll auf die Kohle 5 Gulden pro Fuder aufgeschlagen haben. Becher zog ein mitfühlendes Resümee: „Und so ging es dem armen Büsgen mit allen Posten, die er 1/3 theurer bezahlen mußte als ihr wahrer Wert war.“

 

Eine neue Gewerkschaft mit Engelhard und Kohlscheid aus Neuwied als Eigentümer, mit dem Vorrecht auf die gesamte Gemarkung belehnt, nahm den Betrieb 1790 im großen Stil (mit vielen Menschen) wieder auf, um ihn – außer der Schmelzhütte – gegen Jahresende wieder stillzulegen. Im Herbst setzten die Lohnzahlungen aus und es kam zum Streik wie Sarholz (a.a.O) berichtet:

 

„Als die Karrenläufer Werkbesitzer Engelhard am 24. November 1790 um Zahlung des rückständigen Lohns baten, vertröstet sie ihr Arbeitgeber nur. Darauf legten sie die Arbeit nieder. Engelhard befahl fünf Tage später den Hauern, die Arbeit der streikenden Karrenläufer und Haspelknechte zu übernehmen, was diese entrüstet ablehnten und ihrerseits mit Streik beantworteten. Engelhard ließ die Streikenden aussperren und durch Arbeiter aus dem benachbarten Winden ersetzen.“

 

In einem Schreiben an die Regierung mutmaßte Engelhard am 5. Dez. 1790:

 

„Die Bergleute sind nicht Urheber dieser Revolte und Widersetzlichkeit, sondern es sind die Obernhofer Mathadors, die directe zwar nichts mit dem Werke und dessen Betriebe zu schaffen haben, die aber alles anwenden, um uns zugrunde zu richten und es wieder unter sich zu bringen suchen.“

 

Anfang 1791 lief der Betrieb weiter, waren die Löhne offenbar bezahlt, und (von entscheidender Bedeutung) die Erze wurden mit zunehmender Tiefe immer ergiebiger. Doch zu ihrer Erschließung fehlte den Betreibern das Kapital. Nur deshalb hätten sie in heimlicher Flucht das Werk verlassen, meint Bergrat Becher. Angst vor einer neuen „Revolte“ wäre wohl der näher liegende Grund, denn sicher war die Werksschließung im Sommer 1791 wieder mit ausstehenden Löhnen verbunden.

 

Nach Jahren der Ruhe und mehreren Versteigerungsversuchen, wurde das Obernhofer Berg- und Hüttenwerk von Daniel Loretz, Mitglied der Herrenhuter Brüdergemeinde in Neuwied, 1803 ersteigert. 20 000 Gulden habe er gezahlt, meldet die Obernhofer Kirchenchronik und: „Sie wurde seitdem sehr stark betrieben“.

 

1806 arbeiteten 54 Bergleute auf der Grube Leopoldine‑Louise

 

Loretz wohnte seit 1810 auf der Hütte, wo er 1837 starb. Sein Sohn übernahm die Nachfolge. Dass der Obernhofer Pfarrer sich besonders für den Ertrag von Grube und Hütte interessiert, ist verständlich, denn: „Pfarrei und Kirche hat jede das Recht auf Freikuxen, sobald es Ausbeute gibt.“

 

Loretz hatte die Grube mit Hilfe von Kuxen gekauft, das sind Wertpapiere über den Anteil an einer bergrechtlichen Gesellschaft. Offenbar hatte er eine Gewerkschaft (Gesellschaft) gegründet, die neben den käuflich zu erwerbenden Anteilen, den sog, Kuxen, auch einige Freikuxen vergab, die nur am Überschuss (Gewinn) der Grube beteiligt wurden. 34 Jahre mussten Pfarrei und Kirche darauf warten.

 

Im Jahre 1835 verstand sich der Besitzer dazu, eine Abfindungssumme zu zahlen: 75 fl. dem Kirchenfond und 75 fl. dem Schulfond“, schreibt der Chronist und freut sich: „Es steht zu erwarten, dass den beiden Fonds noch Erkleckliches zufließen wird.“

 

Zur Wasserabführung aus dem Grubenfeld Leopoldine-Louise ließ Loretz ab 1836 zwischen Obernhof und Kalkofen den Lahnstollen in 10 jähriger Handarbeit vortreiben. Unter einem kleinen Brückengewölbe auf dem Radweg plätschert das Wasser aus dem Berg in die Lahn mit der konstanten Temperatur von ca. 20 Grad Celsius.

 

1856 geriet Leopoldine-Louise in die Hände der neuen Holzappeler Gesellschaft, einem Konsortium von Pariser und Kölner Bankleuten. 100.000 Preußische Taler soll Loretz für das Berg- und Hüttenwerk bekommen haben, schreibt der Pfarrer. Bei seinem Abzug von der Hütte schenkte Loretz 500 fl. an die Bergleute zu Obernhof, Weinähr und Winden. Etwa 150 fl. entfielen auf Obernhof. Und die neue Gesellschaft schenkte bei Übernahme der Hütte dem Obernhofer Armenfond 75 fl.

 

Nur eins nahm der Pfarrer dem französischen Grubendirektor Leon Duclock übel. Nach herrschaftlichem Geheiß (seit 1792) hatte der Ober-steiger „morgens früh um 4 Uhr auf dem Zechenhauß zu sein, das Gebädt Christlich und fleißig zu halten, seine Arbeiter deutl. aus dem Schichten-buch zu verleßen“.

 

Duclock beseitigt das frühmorgendliche Ritual so, wie man einen alten Zopf abschneidet. Doch der Pfarrer macht die „Mitverantwortlichen“ namhaft: „Als die französische Gesellschaft das Morgengebet vor der Einfahrt in den Schacht als etwas Überflüssiges abschaffte, hatten die Obernhöfer nichts dagegen einzuwenden.“

 

Niemand konnte ahnen, welch böses Ende Duclock einmal nehmen würde. Eine massive Gangverschiebung in der Holzappeler Grube ließ den Haupterzgang plötzlich ins Leere laufen. Dem verlorenen, 60 cm mächtigen Erzgang kam man schon nach acht Wochen wieder auf die Spur. Doch die Nervenkraft, um diesen glücklichen Ausgang abzuwarten, hatte Duclock offenbar nicht. In der Laurenburger Aufbereitung nahm er sich das Leben mit einer Kugel. Ob das Beten vor der Arbeit, falls er es nicht abgeschafft hätte, ihm hilfreich gewesen wäre, die Flinte nicht gleich ins Korn zu werfen, bleibt für immer eine spekulative Frage.

50 Bergleute beschäftigte die Grube Leopoldine-Louise laut Beleg-schaftsliste vom 1. Mai 1889. 18 davon kamen aus Obernhof, darunter ein Aufseher, 21 aus Weinähr, zwei aus Kalkofen, je einer kam aus Seelbach und vom Eschenauer Hof. Den kürzesten Weg hatten zwei Beschäftigte, ein Beamter und ein Arbeiter. Sie wohnten auf der Obernhofer Hütte. Fünf Windener waren vermutlich in der Grube Anna bei Winden tätig, die in der Liste mitgezählt wird. Und 7 Obernhofer arbeiteten in Auf-bereitungen oder Werkstätten.

 

Insgesamt waren 30 Obernhofer 1889 im Bergbau beschäftigt, 5 davon in der Grube Holzappel. Der Beginn der achtstündigen Arbeitszeit wurde von 4 Uhr auf 6 Uhr verlegt, was die Bergleute fast einhellig ablehnten. Sie kamen zu spät auf ihre Felder, die sie nach der achtstündigen Schicht in der Grube bewirtschafteten. „Der Bergmann hat eben als ausgeruhter Mann mehr Kraft,“ blieb die Bergwerksgesellschaft beim späteren Schichtbeginn. Lange vor der gesetzlichen Unfall- und Kranken-versicherung, schon um 1800, hatten die Bergleute aus kleinen Beiträgen und Freikuxen einen Knappschaftsverein geschaffen, der ihre Familien vor der ärgsten Not und schlimmsten Armut schützte. Ab 1857 hatten die Bergwerkseigentümer den Vereinen, neben Freikuxen auch Pflicht-beiträge zu zahlen. Vier Jahre später wurde die gesetzliche Knappschafts-kasse eingeführt; die örtlichen Knappschaftsvereine blieben bestehen.

 

1890 zählte die Holzappeler Knappschaft 831 aktive Mitlieder gegenüber 99 Invaliden, 228 Witwen und 186 Waisen. Silikose (Staublunge) war die häufigste Bergmannskrankheit und Ursache für Invalidität und frühen Tod. Erst im 20. Jahrhundert verbesserten sich die sozialen Sicherungs-systeme – auch durch Pflichtmitgliedschaft in der „Hessischen Knappschaft“. Wegen Veralterung und Preisverfall an den Metallmärkten wurde die Holzappeler Grube 1930/31 stillgelegt. 1933 – Hitler war gerade an die Macht gekommen – ging der Betrieb weiter und wurde grund-legend modernisiert. Der Bergbau genoss jetzt höchste Priorität und bis zum Kriegsende 1945 flossen staatliche Zuschüsse in die Holzappeler Erzerzeugung.

Im Tiefbau erreichte die Grube die 25. Sohle auf 790m unter NN, die Untertagetemperatur betrug 32 Grad Celsius. Nur eine bessere Bewetterung (Belüftung) konnte den Erzabbau noch voranbringen. Da war es sicher ein kühner Plan die Grube Leopoldine-Louise an die Holzappeler Grube anzuschließen. Dieser Durchschlag über den 1935 begonnenen Otto-Wolff-Stollen und Otto-Wolff-Schacht senkte auf Holz-appeler Seite die Temperatur auf 26Grad Celsius.

 

Für die Arbeiten auf ihrer Grube, die mehrere Jahre außer Betrieb war, kündigte die „Rhein.-Nassauische Bergwerksgesellschaft“ Ende 1934 umfangreiche Vorarbeiten an, die das Gelände der alten Obernhofer Hütte nachhaltig veränderten: „Da der Gelbach schon immer ein Hindernis für die Ausdehnung der  Berghalde war, sah sich die Gesellschaft gezwungen, die Grundstücke (meist Wiesen) nach der Gelbachseite zu gelegen, zu erwerben, um das Bachbett zu verlegen und neuen Raum für die Berghalde zu gewinnen. Diese Grundstücke gehören hiesigen Einwohnern und der Domäne. Die Verlegung des Bachbettes an die neue Gelbachstraße erfordert größere Arbeiten, die vom Arbeitsdienst ausgeführt werden. Sicher ist, dass eine ganze Anzahl hiesiger Erwerbsloser dabei wieder in Verdienst kommen.“

 

Im Jahre 1935“, berichtet Edwin Heimann in seinen biografischen Auf-zeichnungen, „bekam ich meine erste Stelle als Steiger auf der Grube Holzappel der Stolberger Zink AG; 1937 wurde mir die Betriebsführung der Grube Leopoldine-Louise in Obernhof übertragen.“

 

„Es waren schöne Jahre, die ich an der unteren Lahn verbringen durfte, wo ich auch meine Familie gründete. Da die Familie meiner Frau (Gretel Heimann, geb. Haxel) einen großen Weinbaubetrieb bewirtschaftete, lernte ich auch schnell die angenehmen Seiten im Umgang mit dem Wein kennen.“

 

„Zu meinem Aufgabenbereich gehörte neben der Erzförderung auch das Abteufen eines Schachtes (Otto-Wolff-Schacht). Im Streckenvortrieb und auf den Abbauen wurde schon seit 1936 nass gebohrt, d.h. mit Wasserspülung. Das Nassbohren war eine für den Bergbau umwälzende Neuerung und diente ausschließlich zum Schutze der Gesundheit der Bergleute. Das Spülbohren verhinderte das Aufkommen des Bohrmehls – des Gesteins-staubes - und bannte die Gefahr der Silikose-Erkrankung. Seit 1923, als sich zum ersten Mal die Bohrer ,drehten’, wurde diese zur Geißel der Bergleute. Auf der Abteufsohle im Schacht fand das Spülsystem noch keine Anwendung aus technischen Gründen. Die Bergleute behalfen sich mit einem um Mund und Nase gebundenen nassen Schwamm, der aber nur wenig Schutz bot.“

 

Mit großem Stolz berichtet Edwin Heimann, wie es ihm gelang, auf Befehl des Grubendirektors und pünktlich zum Besuch des Bergrats, schon am nächsten Tag das Problem mit der Nassbohrung auf der Abteufsohle erfinderisch zu lösen. Auf  443 m unter NN auf der 18. Tiefbausohle endete der Otto-Wolff-Schacht.

 

„Noch einmal wurden dem Bergmann vor und während des Zweiten Weltkrieges  ,hohe Ehren’ zuteil. Unser Land war auf die Erze angewiesen wie nie zuvor“,   schreibt Heimann in seinen Erinnerungen.

 

Schwelgerisch schildert er den Ausflug der Bergleute zum Nürburg-Rennen: „Am 21. Mai, morgens in aller Frühe, bestieg ein Häuflein Bergleute der Grube Leopoldine-Louise den modernen Reiseomnibus zur Fahrt nach dem Nürburgring.“ Und nachdem die ,Helden unter Tage’ die ,Helden der Rennbahn’ bejubelt hatten, gelangten die Bergleute der Grube Holzappel, Revier Leopoldine-Louise, wieder wohlbehalten in ihre Heimat zurück.

 

Doch Begeisterung und bergmännischer Elan konnten die Grube nicht retten. Heimann schreibt: „Der Erzgang der Grube Leopoldine-Louise verlor sich in der Tiefe, der Betrieb wurde unrentabel und geschlossen. Im Jahre 1942 wechselte ich in den Kölner Raum zur Braunkohle.“

 

Karl Haxel, 2010

 

Stollen Leopoldine-Louise

Wie sehr der Bergbau das Leben der Obernhofer bestimmte, zeigen Eintragungen in der Kirchenchronik, die Erika Günter zugänglich machte.

 

Für das Jahr 1828 findet sich darin unter anderem der folgende Vermerk:

 

„Hauptbeschäftigung der Einwohner ist Bergwerk Leopoldine und Neuborn. Da jedoch der Ackerbau den wenigsten Einwohnern kaum ein Auskommen gibt, so müssen die meisten auch noch von dem bergmännischen Verdienst leben.“

 

Schon die früheste, dokumentierte Belehnung an Prinzessin Leopoldine-Louise von 1743 verpflichtete sie, damit „vor Armut hießig Landes“, d.h. der Armut, entgegenzuwirken. In der Praxis bedeutete das, Einheimische bevorzugt einzustellen, sofern sie qualifiziert waren. Auch der Zuzug von Bergleuten, die ihren Bedarf wie Nahrung und Brennholz vor Ort kaufen mussten, brachte Geld ins Dorf. Erstaunlich, dass 1782 gleich vier Obernhofer Bierbrauer vor allem Hütten- und Hammerwerke, sowie das  ,Ausland’ mit ihrem, offenbar hoch geschätzten Getränk belieferten. Ausland war alles, was nur über die Gemarkungsgrenze hinausführte. Die Nebenerwerbs- oder gar Erwerbsmöglichkeiten für die Obernhofer beim Bierbrauen, dem Fuhrtransport zu den Verbrauchern und weitere Dienst-leistungen liegen auf der Hand. Verdienstmöglichkeiten boten auch der Transport von Holzkohle zum Hüttenwerk oder von Lampenöl zu den Gruben. Jugendliche als Poch- und Waschkinder oder Karrenläufer gehörten zum Grubenalltag.

 

65 Beschäftigte, darunter 10 Knaben, zählte 1784 die vereinigte Grube Leopoldine-Louise-Neuborn. Bergrat  Becher nannte die Grube 1789 „bis hierhin für das Dorf Obernhof eine Quelle der Nahrung.“ Er prognosti-zierte: „Sie scheint auch dieses ferner zu bleiben, da noch ein beträchtliches Feld zum Baue vorhanden.“ Laut Grubenrechnung von 1785 (Sarholz a.a.O.), einem der wirtschaftlich besten Jahre, gab es für die Gruben-beamten eine feste Besoldung, die Hauer wurden nach Gedingen (Akkord) entlohnt. Der Akkordlohn für die herauszuhauenden Strecken wurde zu Beginn des Monats mit dem Steiger im Für und Wider um Mächtigkeit und Beschaffenheit des Ganges und den Förderweg vor Ort ausgehandelt.

 

Der Monatslohn betrug für Steiger Gessert 16 Gulden, Zimmerhauer und Aufseher Haupt 9 Gulden 20 Kreuzer, das Hauerkollektiv Klumb-Bitzbach nach Abzug von 6 Gulden 46 Kreuzern für Material, vor allem Lampenöl, 5 Gulden, 24 Kreuzer pro Kopf. Etwa 5 bis 9 Gulden im Monat verdienten die Hauer im Gedinge, Karrenläufer 4 Gulden und der Haldensteiger Johannes Lotz 8 Gulden.

 

Die Scheidjungen, die er beaufsichtigte, waren Jugendliche, die „für 20 bis 50 Kreuzer im ganzen Monat die Roherze aufbereiteten, also zerkleinerten, vom tauben Gestein trennten und damit für den Schmelzprozeß  vorbereiteten. Sie wurden nach abgelieferten Kübeln aufbereiteten Erzes entlohnt. Ihre Arbeit war offenbar auf wenige Tage im Monat beschränkt, wenn das Schmelzen im Hüttenwerk bevorstand. Gleiches galt für die Waschkinder, unter ihnen auch Mädchen, die in flachen Wasserbecken das Erz durch ständiges Bewegen wuschen. Sie verdienten etwa 8 bis 16 Kreuzer  je Schicht und damit teils mehr, teils weniger als die Karrenläufer. Da sie aber im Januar nur etwa drei bis sechs Schichten arbeiteten, lag ihr Verdienst im Januar 1785 zwischen 19 und 48 Kreuzern.1

 

Auch die wenigen Kreuzer aus der Kinderarbeit waren ein wichtiger Beitrag zum Familieneinkommen.

 

Schlimm nur, wenn die Grube wie 1787 bis 89 und 1791 bis 1803 in Konkurs ging. Stilllegung des Betriebes brachte Bergmannsfamilien in die ärgste wirtschaftliche Bedrängnis, wie der Beamte Schenck von Seiten der dillenburgischen Regierung feststellt:

 

Die Gemeinde Obernhof, welche sich von dem Betrieb des dasigen Berg-werks größtentheils genährt hat, ist seit der Zeit, dass solches aufhöret, in ihrem Nahrungsstand sehr zurückgesetzt worden. (1. März 1795)

 

Zum Glück ging der Betrieb 1803 weiter. Ein ganzes Dorf auf Tagelohn und Nebenerwerb angewiesener Menschen hing davon ab und von ihnen wiederum die Gewerbetreibenden. Als Kreditgeber sicherten sich Dorfhonoratioren Einfluss auf die Grube und damit auch Profit. Und von den Steuereinnahmen profitierte der Fiskus.

 

30 Obernhofer arbeiteten am 1. Mai 1889 auf der Grube Leopoldine-Louise in Aufbereitungen und Werkstätten. 50 Beschäftigte zählte zu diesem Zeitpunkt das Revier am Gelbach. Die zuständige Holzappeler Gesellschaft, die um 1900 die Holzappeler Hütte stilllegte, investierte nicht mehr in die überalterte, in allen Teilen über-holungsbedürftige Anlage von Leopoldine-Louise. Der beginnende Preisverfall an den Metallmärkten kam hinzu, so dass der Obernhofer Bergbau in einen Dornröschenschlaf fiel.

 

Auf der Nachbargrube Holzappel wurde am 30.April 1931 die letzte Schicht gefahren. Die wirtschaftlichen Gründe, die zur Schließung führten, widersprachen jedoch dem staatlichen Autarkiegedanken, Deutschland sei – etwa im Kriegsfall – auf seine eigenen Ressourcen angewiesen.

 

Mit staatlichen Zuschüssen wurde im Juni 1933 der Bergbau auf dem Holzappeler Gangzug nach zweijähriger Unterbrechung wieder gestartet.

 

Sämtliche Beschäftigungen des modernen Bergbaus waren wieder gefragt: Neben den Arbeitsvorgängen, „vor Ort“ wie Schachtabteufen, Streckenvortrieb, Überhauen (Hochtrieb von einer Sohle zu einer nächst-höheren), sowie Abbau (Gewinnung) und dem kleineren Heer der über Tage Beschäftigten, folgte die „Etappe“ unter Tage: Zimmerhauer, Schachtzimmerhauer, Pumpenwärter, Fördermaschinisten, Anschläger, Wagenläufer u.a., die oft die Zahl der Hauer an der gefährdeten vordersten Front übertrafen. Dazu kamen der Obersteiger, der Fahrsteiger, Reviersteiger und Steiger. 350 Personen umfasste die Belegschaft, als die Grube Hozappel wegen Erschöpfung der Erzgänge im Juli 1952 stillgelegt wurde. Etwa zehn Jahre zuvor hatte die Grube Leopoldine-Louise das gleiche Schicksal ereilt.

 

 1  Sarholz Nassaur Annalen Bd. 111

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